| Wer macht schon gerne halbe Sachen? Der Prälatenweg, der von Marktoberdorf über Weilheim, ein Stück am Starnberger See entlang bis zum Kochelsee führt, ist 140 km lang und kann nur in Etappen erwandert werden. Die erste Hälfte des Weges bewältigten etliche Wanderfreunde der OG Ludwigsburg bereits im Jahr 2005. Und im Jahr 2007 fanden sich viele der damaligen Teilnehmer erneut ein, weil sie neugierig auf die zweite Hälfte waren. Unterkunft fand man wieder im Gasthof „Haslacher“ in Böbing wie zwei Jahre zuvor. Und von dort aus schwärmten wir täglich aus, uns um jeweils eine Etappe weiter entfernend den Rest des Weges zu erkunden. Nein, stimmt nicht ganz! Die erste Teilstrecke am Himmelfahrtstag wurde gleich vom Bus aus gemacht. Dieser setzte uns in der Stadt Weilheim auf einer kleinen Anhöhe bei dem Gasthof „Gögerl“ ab.
Beim Aussteigen war man geneigt „bonjour tristesse“ zu sagen. Wir waren nämlich geradewegs auf ein Regengebiet zugesteuert, über die Landschaft spannte sich eine mal mehr, mal weniger dunkelgraue Wolkendecke! Wir trösteten uns mit den üblichen Ausreden: feuchte Luft ist gut für den Teint und für die Atemwege und der Wetterdienst hatte ja Besserung versprochen. Einen Grund zur Freude hatte unser Wanderführerpaar Irmi und Norbert Tauscher. Sie stellten mit Befriedigung fest, dass ihre Beschwerdeeingabe ob der äußerst mangelhaften Wegemarkierung – wie sie sich bei der Vorwanderung herausgestellt hatte – bei den zuständigen Stellen gefruchtet hatte und teilweise ganz neue Zeichen erstellt bzw. die verblassten restauriert worden waren. Auf dem ersten Stück*) der ersten Etappe gab es gleich ein Rätsel zu lösen: Mit Zahlen gekennzeichnete merkwürdige Metallkörbe mit hängenden Ketten weckten unser Interesse und wir konnten uns keinen Reim auf ihren Nutzen machen. Ein Einheimischer verriet uns das Geheimnis: In diese Körbe soll man mit Frisbyscheiben zielen und die Ketten sollen ein Hineintreffen erschweren.
[*) Zum besseren Verständnis: die Tagesetappen wurden ihrerseits in kleinere Teiletappen gegliedert, sodass jeder Teilnehmer von Teiletappe zu Teiletappe entscheiden konnte, ob er die Strecke mit dem uns ständig begleitenden Bus oder zu Fuß zurücklegen wollte. So war auch für den Schwächsten unter uns gesorgt.]
Nach der hübsch gelben Kirche in Jenhausen, die wie so viele in dieser Gegend auf einem Hügel thront, gelangten wir in ein reizvolles Moorgebiet. Unsere beiden Wanderführer Irmi und Norbert hatten uns mit Skepsis darauf vorbereitet, denn bei der Vorwanderung waren sie auf zerborstene, kaum begehbare Bohlen gestoßen. Aber auch diese Misere war abgestellt worden und wir konnten uns unbeschwert der urtümlichen, idyllischen Landschaft hingeben. Der Endpunkt der ersten Tagestour war bei den herrlich verträumten Nussberger Fischweihern erreicht, wo wir uns an gegen die Wasseroberfläche springenden Fischen erfreuten, so wie wir zwischendurch auch von den neugeborenen Kälbchen auf der Weide entzückt waren und am liebsten eines davon den Enkeln mitgebracht hätten. Auf diese Weise gestaltete der Regentag sich doch noch ganz nett.
Was verhieß uns ein Blick aus dem Fenster in der Frühe des nächsten Tages? – Welch ein herrlicher Morgen!! Nur noch einige weiße Wolken unterbrachen das strahlende Blau des Himmels, welches zu den tausenderlei Grüntönen der Natur einen blendenden Kontrast abgab, und an Blättern und Gräsern glitzerten die verbliebenen Regentropfen im Sonnenlicht. Bis zu unserer Abreise sollte sich das schöne Wetter noch steigern und am Sonntag wurde es richtig warm!
Frohgemut brachen wir zu unserer nächsten Tagestour auf, die uns zunächst nach Bernried führte. Hier warfen wir kurz einen Blick in die Kirche und bewunderten die weitläufigen Parkanlagen mit den mächtigen alten Eichen und gelangten bald darauf an das Ufer des Starnberger Sees. Wir konnten uns kaum satt sehen an dem prächtigen Panorama mit der Alpenkette im Hintergrund, die teilweise im gleißenden Weiß des Neuschnees erstrahlte.
Nach einer Rast in Seeshaupt wichen wir ein wenig vom offiziellen Prälatenweg ab und marschierten auf den Wegen am gegenüberliegenden Ufer des Großen Ostersees.In Iffeldorf nahm uns wieder der Bus auf und sollte uns eigentlich in unser Quartier nach Böbing bringen. Es war aber noch früh am Tag und so hielten Irmi und Norbert noch ein Schmankerl für uns bereit: Geradewegs hinauf zur Brombergalm chauffierte uns der Busfahrer und dort relaxten wir bei Kuchen, Eis, Kaffee, Bier, Wein – je nach Gusto. Das war Urlaub pur! Und was war Thema des Tages? Nicht etwa die Naturschönheiten, von denen ich oben berichtet habe – nein! Ein anderes Stück Natur hatte es der Frauenliga angetan: An den Gestaden des Ostersees ein Mann im Adamskostüm mit einem Körper wie von Michelangelo modelliert, auf dessen nahtloser zimtfarbener Bräune Wassertropfen perlten (genau hingeguckt!) bot aufreizenden Gesprächsstoff für diesen Spätnachmittag!
An den Abenden wurde ein kleiner Bummel durch den Ort gemacht, wobei der unheimlich hohe schlanke Maibaum unsere Aufmerksamkeit erweckte. Wir machten uns einen Spaß daraus, seine Höhe zu schätzen (gefühlte 100, real 32 m). Später im Gasthof wurde an einem Tisch große Politik gemacht, während an anderen einige Partien Rommé gespielt wurden und zeitig ging man zu Bett, um für den nächsten Tag fit zu sein.
Die erste Station des nächsten Tages war die Heuwinklkapelle. Diese wurde ausführlich besichtigt, denn mit ihrem Rundbau und der sich darüber wölbenden Kuppel sowie dem reichen Stuck im Innern stellt sie eine Besonderheit dar. Anschließend wanderten wir zu den Huber Seen, wo uns der Bus aufnahm, um uns den Weg durch den Ort Penzberg zu ersparen (weniger interessante Streckenabschnitte wurden mit dem Bus zurückgelegt.). Hinter Penzberg wurde die Wanderung fortgesetzt und wir gelangten an die Loisach, an deren Ufer wir zunächst rechts entlangliefen. Hier breitet sich ein großes Feuchtwiesengebiet mit einer reichhaltigen Flora und Fauna aus. Man nennt es auch das Wiesenbrütergebiet. Besonders sticht eine hier üppig vorkommende Lilienart, die Iris, ins Auge. Nach Überquerung der Loisach wanderten wir noch eine Weile an ihrem linken Ufer, bevor wir die Richtung zum Kloster Benediktbeuern einschlugen. Doch die Kultur konnte warten! Jetzt wurde erst der Durst gelöscht und im Biergarten hielten wir eine genüssliche Einkehr. Man fand noch Zeit, den hübsch angelegten Kräutergarten des Klosters zu begutachten, bevor uns der Bus zurück zu unserem Standquartier nach Böbing brachte.
Die letzte Tagestour begann dort, wo wir sie am Vortag beendet hatten, auf dem Parkplatz des Klosters Benediktbeuern. Norbert hatte Mühe, die letzte Silbe richtig auszusprechen, denn .....beuren geht allemal leichter von den Lippen – nach einiger Übung und unter unserem Beifall hat er aber diese Hürde mit Bravour genommen. Wir folgten auf dieser Tour im wesentlichen dem Lauf der Loisach bis zum Kochelsee und hatten zu beiden Seiten wieder die Urlandschaft des riesigen Moorgebietes um uns. Am Horizont, der gar nicht mehr weit erschien, türmten sich die Bergmassive der Alpen auf. Norbert und Irmi wurden nicht müde, unsere Fragen zu beantworten und ihr fundiertes Wissen mit uns zu teilen. Und wie im richtigen Leben war der Mann, also in diesem Fall Norbert, für die großen und die Frau, also Irmi, für die kleinen Dinge zuständig – will sagen, Norbert nannte uns die Namen der gewaltigen Berge, vor uns die Benediktenwand, im Hintergrund das Karwendelgebirge, das Zugspitzmassiv, vorher noch der Herzogstand usw., während Irmi uns die filigrane Pflanzenwelt erklärte. Sie machte uns mit der Trollblume, dem Knabenkraut, dem Hornklee, Klappertopf, Bachnelkenwurz und vielem mehr vertraut. Am Kochelsee wurde eine Mittagsrast gemacht, der beschaulich ruhige See hätte zu einem längeren Verweilen, zum Träumen und Gedankenspinnen eingeladen, aber die Zeit drängte. Als krönender Abschluss der Tagesetappe wie auch der gesamten 4-Tages-Ausfahrt stand die bis dahin ausgesparte Besichtigung des Klosters Benediktbeuern an. Danach ging es ein letztes Mal zurück nach Böbing in den Gasthof Haslacher, wo das Abschiedsessen eingenommen wurde.
Bei der Heimfahrt auf der zunächst kurvenreiche Straße, die manchmal auch nach Süden führte, versuchten wir, das fantastische Bild der im Schnee leuchtenden Alpenpässe zu verinnerlichen, blickten ein letztes Mal zum Peisenberg hinüber, bevor der Bus bei Landsberg/Lech auf die Autobahn schwenkte. Wir fuhren Nonstop – kleine Staus waren an diesem Sonntag vorprogrammiert – in Richtung Heimat. Während der Fahrt gab es dann jede Menge Lobeshymnen. Hans Stöhr ließ das Erlebte noch einmal Revue passieren und dankte im Namen aller Teilnehmer unserem Wanderführer-Ehepaar Tauscher für die hervorragende Organisation und die stets umsichtige Fürsorge, worin sich jeder gut aufgehoben wusste, und überreichte einen kleinen Geldbetrag. Irmi bedankte sich ihrerseits artig und pries das fotografische Gedächtnis ihres Mannes Norbert, der statt eines Hirns einen Computer im Kopf hat – Quatsch, er habe ein Gehirn, aber es funktioniere an einer bestimmten Stelle wie eine Computerfestplatte, auf der man geografische Gegebenheiten wie Fotodateien einfach speichern und bei Bedarf abrufen kann. Ich weiß nicht mehr, ob und wofür sich Norbert bedankte, aber zu guter Letzt bedankte sich unser Busfahrer bei Norbert für seine äußerst präzisen, verständlichen und praktikablen Fahranweisungen.
So, und jetzt komme ich dran: Ich schließe mich zustimmend all dem oben Genannten an. Irmi, Du hast gesagt, der beste Dank wäre für Dich, wenn wir die Tage ein Weilchen in guter Erinnerung behielten! Seid versichert, Irmi und Norbert, ich werde noch lange und gerne an unsere gemeinsame Zeit im Loisachwinkel zurückdenken!
(Dorothea Göhler) |