|
Ich habe vom legendären Wirtshaus im Spessart gehört, und weiß, dass es auch im Taunus einen Feldberg gibt, sogar vom Harz sind mir einige Städtenamen geläufig. Was aber wusste ich über die Rhön? Genaugenommen gar nichts, nur dass sie landschaftlich sehr schön sein muss, denn beim Fahren in Richtung Würzburg - Kassel hat sie wohl jeder schon mal gestreift. Deshalb gab es bei mir kein Zögern bei der Entscheidung, an den von dem Wanderführer-Ehepaar Klaus und Ingrid Ollig ausgearbeiteten Wandertagen in der Rhön teilzunehmen. Jetzt bin ich so voller Eindrücke, habe so viel erfahren und erlebt, dass ich eigentlich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Deshalb der Einfachheit halber alles in chronologischer Reihenfolge:
Eigentlich war die Rhön schon längst überfällig, denn die Anfahrt dauert nur etwa zweieinhalb Stunden und manch einer fragte sich, warum erst jetzt. Das hängt wohl damit zusammen, dass die Zonenrandgebiete während der Teilung Deutschlands gemieden und vernachlässigt wurden. Gott sei Dank ist diese Zeit überwunden. Noch viel vom Tag vor uns habend machten wir uns ab Oberweißenbrunn (Stadtteil von Bischofsheim) gleich auf die (Wander-)Socken mit dem Ziel Kreuzberg. Die Fremdenverkehrsämter werben für die Rhön mit dem Slogan „Land der offenen Fernen“. Wie zutreffend diese Behauptung ist, wurde uns schon nach wenigen Schritten aufwärts klar. Immer wieder bot sich Gelegenheit, die Blicke weit, weit über Wiesenhänge und bewaldete Berge schweifen zu lassen. Mit dieser unendlichen Weite öffneten sich auch unwillkürlich die Herzen – meines jedenfalls - und man fühlte sich frei und beschwingt (mir wird zum erstenmal der Ursprung dieses Wortes bewusst!) wie ein Vogel. Die saftigen Wiesen zu unseren Füßen trugen zu dieser Hochstimmung bei. Ich glaube, noch nie solch üppige, artenreiche Wiesen gesehen zu haben und finde es immer wieder kurios, dass ausgerechnet diese „Magerrasen“ genannt werden. Die markanten Punkte unterwegs waren der Aussichtspunkt „an den drei Kreuzen“, die Gemündener Hütte, wo es neben Erbsensuppe und anderen deftigen Speisen auch Kuchenstücke selten erreichten Ausmaßes gab und diese genüsslich einverleibt wurden, und zu guter Letzt der Kreuzberg mit seinem Kloster. Mag der Trubel an diesem Touristenanziehungspunkt nicht jedermanns Geschmack sein, das dort gebraute und ausgeschenkte Klosterbier mundete dennoch vortrefflich.
Gegen 16 Uhr bezogen wir dann Quartier im Hotel „Eisenacher Haus“. Es war gar nicht so einfach, sich in diesem Haus zurechtzufinden, denn in seiner wechselvollen Geschichte wurde mehrfach um- und angebaut, gegen Ende der DDR-Zeit war es völlig abgewrackt – obwohl es Bestandteil eines Hochsicherheitstraktes mit Abhöranlagen und Pipapo war - und wurde nach der Wende wiederhergestellt und erweitert. Davon und einer Menge mehr erzählte uns der Hausherr nach dem Abendessen. Doch zuvor wurde an dem opulenten Büffet, das keine Wünsche offenließ, kräftig zugelangt, es schmeckte halt gar zu gut und man war ja schon seit 6:30 Uhr unterwegs gewesen. Das verlangte dann allerdings einen kleinen Verdauungsspaziergang und zwar zu dem Aussichtsplateau des Ellenbogens, wo sich erneut bestätigte: Die Rhön - ein Land der offenen Fernen! Einfach grandios – diese weitreichende Aussicht! Aus dem Vortrag des Hausherrn erfuhren wir u. a., dass die Rhön sich im Grenzgebiet der drei Bundesländer Hessen, Bayern und Thüringen erstreckt, dass das Hotel im thüringischen Teil steht (also ehemalige DDR!) und zwar auf dessen höchstem Berg, dem Ellenbogen und dass wir uns in einem von der UNESCO seit 1991 ausgewiesenem Biosphären-Reservat befinden, das 6 % der gesamten Rhön ausmacht.
Für den zweiten Tag hatte unser Wanderführer Klaus als Wanderziel den Berg Milseburg auserkoren. Von Schakau aus über die Oberbernhardser Höhe, von wo aus laut Wegweiser alle Wege zur Milseburg führen, ging es in einem moderatem Anstieg zum Gipfel. Übrigens sind alle Steigungen in der Rhön gut zu bewältigen, da sie nirgends schroffe Berge aufweist, sondern ein sanft gewelltes Mittelgebirge ist. Unterwegs im Wald wurden die Pflanzenkenner und –liebhaber fündig. Sie entdeckten u.a. das Silberblatt und die vielblütige Weißwurz, auch Salomonssiegel genannt. Um den Berg Milseburg rankt sich die Sage vom Riesen Mils, der angeblich dort wegen Gottlosigkeit unter den Gesteinsmassen begraben wurde. Außerdem hat in vorchristlicher Zeit dort eine Siedlung gestanden. Archäologen versuchen heute, die gewaltigen Wallmauern zu rekonstruieren. Auf dem Gipfel angekommen, gaben die einen der Gemütlichkeit in der Milseburg-Hütte den Vorzug, während die anderen gar nicht genug kriegen konnten von der Weite des Landes und ihr Vesper im Freien einnahmen. Im weiteren Verlauf ging es dann ins Biebertal, über die Maulkuppe und Hinterstellberg zum Fuldaer Haus, wo wir kurz verweilten. Auf dem Fuldaer-Haus-Weg, von dem aus man kurz die Stadt Fulda sichten konnte, gelangten wir nach Kleinsassen, dem Endpunkt der Wanderung. Kleinsassen ist als (Kunst-)Malerdorf bekannt. Im 19./20. Jahrhundert siedelten sich einige Künstler hier an. Außerdem bietet ein reich verziertes Portal eines Fachwerkhauses ein hübsches Fotomotiv und wer sich länger aufhält, sollte sich einen Besuch im Pfundsmuseum nicht entgehen lassen.
Dritter Tag: Im Mittelpunkt stand heute die Besichtigung der DDR-Grenzsperranlagen und das Schwarze Moor. Diese Wanderung konnte direkt vom Hotel aus gestartet werden. Zunächst wurde ein Abstecher zum Thüringer Rhönhaus gemacht, das auf mich wie eine Art Mini-Disneyland mit Kleintierzoo wirkte. Tatsächlich ist es aber ein Berggasthof. Wir kamen an einem Waldstück vorbei, dem der Orkan Kyrill schwer zugesetzt hatte, passierten einen Streifen Niemandsland, auch ein kleines Wasserbiotop lag auf unserem Weg, ehe wir Frankenheim erreichten. Frankenheim ist die am höchsten gelegene Ortschaft in der Rhön und war früher eines ihrer ärmsten Dörfer. Nach Verlassen des Ortes ging es dann durch üppig blühende Wiesen in Richtung Mahnmal Deutsche Einheit. Schon von weitem erblickt man den Wachtturm. Reste eines Metallgitterzaunes zeugen von einer unmenschlichen deutsch-deutschen Grenze. Auf Tafeln wird man informiert, in welchem Umfang das DDR-Regime seine Bürger vor der Freiheit schützen musste. Grotesk, dass es gerade an dieser Stelle grünt und blüht wie sonst nirgendwo und man außer den übriggelassenen Grenzbefestigungsanlagen heute Idylle pur antrifft!!
Nach einer ausgiebigen Mittagspause auf dem Ausflügler-Rastplatz Grabenberg begaben wir uns dann zum nahegelegenen Schwarzen Moor. Wer einen Blick dafür hatte, konnte die seltenen, nur in Mooren vorkommenden Pflanzen begutachten. Zahlreich aufgestellte Tafeln informierten darüber, sowie über Arten und Entstehung der verschiedenen Moore. Von einem hölzernen Turm konnte man sich einen Gesamtüberblick über das Gelände verschaffen, durch das ein Bohlen-Rundweg führt.
Noch war es früh am Tag und wandermäßig hatten wir uns noch nicht richtig ausgetobt. Wer wollte, konnte aber vom Rastplatz aus die nun folgende Strecke mit dem Bus zurücklegen. Denn das ist das Besondere an den meisten Ausfahrten der OG Ludwigsburg: auch für die Schwächeren, die nicht mehr ganz so gut zu Fuß sind wie ehedem, ist gesorgt. Da uns auf den Wanderstrecken stets der Bus begleitet, kann von Etappe zu Etappe von den Teilnehmern entschieden werden, ob sie sie zu Fuß oder mit dem Bus zurücklegen möchten. Die meisten freilich nahmen ihre Beine in die Hand und los ging’s auf Waldwegen zur Frauenhöhle, an einer bizarren Baumruine machten wir einen lohnenden Abstecher zum Eisgraben, einer Stelle wie aus dem Bilderbuch mit Alm, Wasserfall, Schafherde, rustikalen Bänken. Wir erfüllten die Programmpunkte Hillenberg und Roth, nur Hausen ließen wir sausen. Nach Roth ging es überraschend steil abwärts. Wir hatten uns gar nicht vergegenwärtigt, dass wir vom höchsten Punkt der thüringischen Rhön losmarschiert waren.
Der vierte Tag, gleichzeitig der Abreisetag, war der Wasserkuppe gewidmet. Mitsamt unserem Gepäck wurden wir nach dem Frühstück zum Fuße des Berges chauffiert, von wo aus wir den Aufstieg antraten. Obwohl die Wasserkuppe sowohl der höchste Berg der Rhön als auch Hessens ist, wurde mir die Steigung kaum als solche gewahr. Das muss wohl auch an dem Eins-A-Wanderwetter gelegen haben, das unweigerlich während der ganzen Tage zu unserem Wohlbefinden beigetragen hatte. Trockene kühle bis mäßig warme, von ein paar Böen durchsetzte Luft. Genau das Richtige für Wandersleut’! Wir schlugen einen Bogen und stiegen zunächst auf den Gipfel des Pferdskopfes. Hier konnten wir ausgiebig ein letztes Mal die offenen Fernen in uns aufnehmen und versuchen, sie in uns zu bewahren. Wir bewunderten ein letztes Mal die reichhaltige Flora - Trollblumen z. B. waren hier verbreitet wie anderswo der Hahnenfuß. Nachdem wir ein noch artenreicheres Feuchtgebiet durchquert hatten, machte uns unser Wanderführer Klaus auf eine Felsformation aufmerksam. Hier ragten wie kleine sechseckige Säulen Basaltkristallite aus dem Boden. Diese Formen entstehen nach Vulkaneruptionen beim langsamen Erkalten der glühenden Lava. Aus den gleichen Gesteinsmassen ist das benachbarte Fliegerdenkmal aufgeschichtet. An diesem Punkt übrigens schaffte es die Gruppe, endlich mal das Rhönlied anzustimmen, das beim allmonatlichen Singabend eigens einstudiert worden war. Danach stand jedem die Zeit zur freien Verfügung. In Gruppen bestieg man das Hochplateau der Wasserkuppe. Mit seinen verbliebenen Militäranlagen und den Flachdachbauten gleicht dieses Gelände einem Gewerbegebiet und ist eigentlich wenig schön. Interessant hier oben allerdings der Segelflugbetrieb. Während die einen zu märchenhaften Preisen speisten, konnten andere sich eben darüber im Segelflugmuseum belehren lassen oder auf dem Fluggelände dem Treiben zusehen. Die Wasserkuppe gilt weltweit als Wiege des Segelflugs. Das Segelfliegen wurde hier Anfang des 20. Jahrhunderts sozusagen erfunden und jedes Jahr finden zahlreiche diesbezügliche Veranstaltungen statt. Um 14:30 Uhr war es dann Zeit, sich am Treffpunkt einzufinden und gegen 15 Uhr startete der Bus zur Heimreise. Damit waren vier wundervolle Wandertage zu Ende gegangen.
Im Bus hing ich meinen Gedanken nach. Wir hatten einen Kurzurlaub erlebt, wie er besser von einem professionellen Reiseanbieter nicht hätte durchgeführt werden können. Klaus und Ingrid hatten für uns ihre Fühler ausgestreckt, hatten vorgewandert, geplant, organisiert, betreut. Obendrein hatte sich Klaus die Mühe gemacht, eine Begleitbroschüre zu erstellen zur Vorabinformation und zum nachträglichen Vertiefen des Gesehenen und Erlebten. Die Rhön war nun kein unbekanntes Terrain mehr für mich, sie hatte Gestalt angenommen, wurde mit Namen in Verbindung gebracht und damit mit Erlebnissen und Eindrücken. Ich werde ins Schwärmen geraten, wenn ich davon erzähle!!
(Dorothea Göhler)
|