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Rückblick
"Schöne Tage im Norden"
vom 4.-9. 10. 2008
Am 4. Oktober trafen sich erwartungsvoll 47 AV-Mitglieder am Ludwigsburger Bahnhof. Nach lebhafter Begrüßung und Abhaken der Vollzähligkeit brachte uns ein Regionalzug nach Stuttgart zum ICE. Dort war vorsorglich ein Wagen für uns reserviert. Der hatte zwar 47 Sitzplätze, aber dass 47 Leute auch Gepäck dabei haben, war nicht einkalkuliert. Irgendwie wurde das Problem aber doch gelöst. Nach einer Weile – zur Vesperzeit – zogen suspekte Düfte durchs Abteil, die allerhand Vermutungen heraufbeschworen. Als sich das nach einer Weile wiederholte, fragte ich, ob der Rettich bald gegessen sei? Der Rettich entpuppte sich allerdings als Käse und war dann wirklich bald alle.Ein Bonmot von Ingrid O. kam mir zu Ohren, die ihrem Mann an einem Tischplatz gegenüber saß. Offensichtlich kamen sie sich mit den Beinen ins Gehege und Ingrid meinte, man sei sich hier „näher als daheim im Bett!“ Draußen zogen die Landschaften in schönster Herbstfärbung vorbei, dazu die „Rheinharfe“ in Mannheim, die Skyline von Frankfurt, die Wasserkuppe/Rhön rechts und der Herkules/Kassel Wilhelmshöhe links, und Messeturm und Marktkirche in Hannover. Schließlich kamen erst die Kräne und dann die Speicherstadt von Hamburg in Sicht, wo es am Bahnhof Dammtor hieß: umsteigen in die blau-weiße Nord-Ostseebahn, die in Westerland auf Sylt endet. Ich nahm am Kiosk einen Kaffeebecher mit, dessen Deckel wohl nicht recht schloss. Er blieb allein in meiner Hand und der Becher ging zu Boden. Kein Wunder, war ja auch ein „Coffee to go“. Unter vielem Spott, guten Tipps und geschenkten Tempos begab ich mich ans Putzen, bis unter die Fahrräder. Das Kettenöl hab ich immer noch am Anorakärmel. Den Nord-Ostseekanal ließen wir unter uns zurück. In Niebüll hatten wir endlich unser Ziel erreicht, wo wir von Regen begrüßt wurden. Einige Mitfahrer waren vor 4 Jahren schon einmal hier und fanden mühelos den kurzen Weg zum Niebüller Hof. Nach Schlüsselausgabe, Auspacken und Frischmachen stellte uns der Koch sein Abendbuffet vor und der Run begann. Alles war zum Besten.Da wir aber nicht die einzige Gruppe waren, klappte es nicht so ganz mit dem Nachschub. Zum Schluss sprach Werner Brekle sein „Wort zum Abend“, soll heißen das Resümee des Tages und die Vorhersage für morgen. Von nebenan kamen Töne aus Männerkehlen, denn der Chor der Feuerwehr Dagebüll hatte einen Auftritt. Danach gingen wir – um die wiederkehrende Feststellung von Klaus O. zu zitieren – zum „Einschlafen“, um anderntags wieder „aufzuwachen“.
Das Wetter des 2. Tages meinte es gar nicht gut, was Wanderer aber nicht davon abhält, ihr Programm einzuhalten. Die Schleusentore des Himmels mussten defekt gewesen sein, denn sie schlossen sich erst am halben Nachmittag. Wir bestiegen in entsprechender Kleidung den Zug, der uns über den seit 1927 bestehenden Hindenburgdamm auf die Insel Sylt nach Westerland brachte. Neuerdings stehen unter den Namen der Haltestellen auch die friesischen Bezeichnungen, da man diese alte eigenständige Sprache nicht verloren gehen lassen will. Von Westerland brachte uns ein Bus an die Westküste von Hörnum, von wo aus wir zur Wanderung um die Südspitze starteten. Der Wind wehte heftig, zum Glück aus Nordwest, also von hinten, und sorgte für eine beeindruckende Brandung. Einen perfektem Regenschutz scheint es doch nicht zu geben, es ging schon einiges „durch“. Wir kamen an eine Sandaufschüttungsanlage, deren Funktion und Wirkung uns von Werner erklärt wurden. Wir sahen auch Buhnen aus Tetrapoden, von denen man sich vor Jahren die Inselrettung versprach, was sich aber als Trugschluss herausstelle. Es besteht ein immerwährender Kampf um den Erhalt der Insel, die ohnehin nur ein Überbleibsel untergegangenen Landes ist. An der Südspitze verzogen sich die schwarzen Wolken und von oben her trocken erreichten wir den Hörnumer Hafen. Es gab schöne Fotomotive wie Möwen auf Pfählen, sowie Schiffe verschiedenster Art für verschiedene Verwendungen.Es gab 2 Kirchen und den Friedhof für die unbekannten Nordseetoten mehrerer Jahrhunderte. Wir knubbelten uns erneut in einen Bus, der aber nicht voran kam. Eine endlose Schlange Rückfahrer blockierte die Straße, so dass der Fahrer uns riet, von Rantum aus besser zu Fuß nach Westerland zu laufen, was uns Wanderern jetzt im Sonnenschein nicht schwer fiel. Es waren reichlich Leute in der Inselhauptstadt unterwegs, von denen viele wie wir aufs Festland zurück wollten. Im Hotel stellte uns der Koch wieder seine Kreationen vor und bei heute perfektem Nachschub schmeckte es wunderbar. Bei seinem Wort zum Abend stellte Werner uns Uwe Sönnichsen vor. Er ist Sylter, schon an die 80 Jahre alt und ein Nordseekenner und engagierter Streiter für die lokalen Probleme. Sein Vortrag auf dem Festland war eine Ausnahme, denn als Rollstuhlfahrer verlässt er die Insel nicht mehr oft. Mit seinem „Assistenten“ und einer Diaschau brachte er uns emphatisch die Situation der Nordsee und ihrer Inseln nahe. Wir sahen unglaubliche Bilder von Sturmfluten, die jedes Mal heftig besonders an der Westküste von Sylt nagen. Sein Vortrag war gewürzt mit Geschichten und Anekdoten, ein interessanter Genuss. Auch an diesem Abend schliefen wir ein und wachten anderntags wieder auf.
Es war der 3. Tag und strahlend blauer Himmel. Wieder brachte uns der Zug nach Westerland, und im Vorbeifahren sahen wir auf den Geesten und Marschen Rinder, Schafe, viele Land- und Wasservögel und sogar Rehe. Diesmal begannen wir unsere Wanderung gleich an der Westerländer Promenade. Wir gingen entlang einer endlosen Reihe weißer Zeltpavillons, übrig vom Wochenende, als hier die WM der Surfer stattfand. Einige Surfer mühten sich auch in den heute eher flachen Wellen, die See war ungewöhnlich ruhig. Ich hätte das gestern in der enormen Brandung sehen mögen. Wir wanderten „achterndieks“ Richtung Wenningstedt vorbei an schmucken reetgedeckten Backsteinhäusern in immer noch blühenden Gärten. Etappenziel war das „Frisörhaus“, das inzwischen unmittelbar an der Küste liegt und jetzt ein Gosch-Restaurationsbetrieb ist. Es war viel los bei diesem herrlichen Wetter. Wir verteilten uns auf den Terrassen, im Lokal, auf der hölzernen Treppenanlage und in kostenlosen Strandkörben, um diese Pause so richtig zu genießen. Weiter ging es in reduzierter Zahl durch Wenningstedt, am Weiher vorbei, ein kurzer Blick in die Kirche, wo – wie in allen Kirchen – wegen des gestrigen Erntedankfestes der Altar prächtig geschmückt war.Von fern grüßte der „lange Christian“, Leuchtturm von Braderup, dem wir Richtung Braderuper Heide und Ostküste ganz nahe kamen. Leider waren das Heidekraut und die wilden Heckenrosen verblüht, aber in ihrer Pracht durchaus vorstellbar.Es war gerade Ebbe, für manche von uns Binnenländern ein ganz ungewohnter Anblick. Das Uraltwrack eines Fischerbootes und die Wattwurmhäufchen waren schöne Fotomotive. Der nächste Halt war in Munkmarsch, einem früher mal wichtigen Hafen. Dann erreichten wir Keitum, das schon im 15. Jahrhundert Inselhauptstadt war. Wir besichtigten die 1240 erbaute Kirche St. Severin, die sichtbaren Wehrcharakter hat. Auch hier vor dem bemalten Flügelaltar wieder die Erntedankgaben. Die Kanzel und Emporen zeigen sich in schönen farbigen Bildern und die Orgel hätte ich gern mal gehört. Wir verließen die Kirche nicht ohne einen Choral. Keitum ist der „grüne“ Ort mit den meisten Bäumen und den typischen Friedenhäusern, von denen wir das als Museum dienende Landvogthaus anschauten. Die offene Herdstelle, die kurzen Doppelbetten in den Alkoven, die gekachelten Wände und gusseisernen Öfen zeigten anschaulich, wie man in vergangenen Zeiten gewohnt hat. Wie man heute wohnt, erlebten wir beim Treffen mit Edith und Willi M., Albvereinsfreunde aus Steinheim, die am Vortag zu ihrem alljährlichen Herbsturlaub hier angekommen waren. Im großen grünen Garten vor einem reichlich Frucht tragenden Apfelbaum erwarteten uns die Beiden mit Korn und Aquavit, und wir prosteten einander freudig zu. Nach der Verabredung für den übernächsten Tag war es Zeit für den Zug am Bahnhof „Kairem“. Wieder gab es ein leckeres Abendessen und Werners Ansprache, die mit uns in das Lob des heutigen Tages einstimmte. Peter R. brachte allen gekonnt die dramatische die Ballade von „Nis Randers“ zu Gehör, die viele von uns aus der Schulzeit wieder erkannten. Danach hieß es erneut „Einschlafen“ und „Aufwachen“, um uns am 4. Tag abermals am Frühstücksbuffet zu treffen.
Der Weg ging wieder zum Bahnhof, aber wir blieben diesmal zunächst auf dem Festland. In Schlüttsiel bestiegen wir das Schiff, das uns zur Hallig Hooge brachte. Die Sonne strahlte vom klaren Himmel, so dass wir den Rundumblick auf Deck genießen konnten, was manchen sogar einen Piccolo wert war. Auf Hooge ging die Wanderung – wieder bei Ebbe - über den sogenannten Sommerdeich im Osten durch die Ockenswarft zur Hanswarft. Dort waren das aus dem 17. Jh. stammende Kapitänshaus „Königspesel“ und das Sturmflutkino zu besichtigen, wozu wir uns in 2 Gruppen aufteilten. Im Königspesel – Pesel ist die gute Stube der Friesen – zeigte man uns die von Schiffsfahrten mitgebrachten Schätze vergangener Zeiten. Das älteste Stück im gekachelten Wohnzimmer war ein Teller aus der Zeit der Schlacht von Hastings im 11. Jh. Im Flutkino zeigte der Film die Ereignisse während der Springfluten bei Neu- und Vollmond und vor allem einer außergewöhnlichen Sturmflut, bei der sich Menschen und Tiere auf die Warften zurückziehen müssen und evtl. sogar nur im obligatorischen Schutzraum, den jedes Haus inzwischen birgt, überleben können. Ab jetzt haben wir in Zukunft eine konkrete Vorstellung, wenn der Wetterbericht Sturmwarnung gibt und die Halligen „Land unter“ melden.
Einen echten Friesentee gab es im „T-Haus“, dichtgedrängt um einen warmen gusseisernen Ofen. Auf dem Weg zur Kirchwarft passierten wir eine Weggabelung, von der aus man im Kreis herum alle 9 bewohnten Warften sehen kann. Strom gibt es auf der Hallig erst seit 1959 und die Wasserleitung wurde 1970 verlegt. Die Johanneskirche auf der Kirchwarft ist von einem Friedhof umgeben, hatte wieder den schönen Erntedankaltar, eine buntbemalte Kanzel und ebensolches Gestühl. Es war nicht weit zur Backenswarft gleich am Anleger. Die Zeit bis zur Abfahrt reichte nochmal für eine Einkehr im „Frieselpesel“, wo uns ein großer Papagei begrüßte, der dafür einen Keks bekam, den er sauber aus der Kralle knabberte. An diesem originellen Ort genehmigte ich mir einen heißen „Pharisäer“: Kaffee mit Sahnehaube, unter der pharisäerhaft der Rum versteckt wird. Bei wieder auflaufendem Wasser hatten wir eine ruhige Überfahrt und der Bus wartete schon.Es war wohl des netten und Erklärungen gebenden Fahrers letzte Tour für heute, denn er „entschuldigte“ sich für die fehlenden Sitzplätze am Morgen damit, dass er uns nicht nur gleich nach Niebüll, sondern sogar direkt vors Hotel brachte. Wieder stellte der Koch sein Menü vor, das sehr gut schmeckte. Nach Werners „Wort zum Tag“ trug ich ein anderes Otto-Ernst-Gedicht vor, an das ich mich aus der Schulzeit erinnerte. „Lütt' Jan“ ist das Kontrastprogramm zu „Nis Randers“. Dann war wieder „Einschlafen“ und morgens „Aufwachen“ angesagt.
Der Mittwoch war ein weiterer Inseltag. Bei Schönwetter ging es über den Damm und von Westerland mit dem Bus zum Lister Weststrand. Dort warteten schon Edith und Willi, die bei der heutigen Wanderung dabei sein wollten. Es ging an der Südseite des „Ellbogens“ entlang, bei ablaufendem Wasser. Wir konnten vielerlei Möwen, diverse Entenarten, Austernfischer, Bekassinen oder Strandläufer beobachten. Ein Priel zwang uns zu einem Umweg, auf dem uns ein Inselwart gar nicht gern sah. Die Schafe nahmen im Galopp Reiß aus, der Leuchtturm grüßte herüber und wir hielten nach einem plötzlichen Schauer Apfelrast an den Dünen. Im Watt waren verschiedenste Muscheln – neuerdings auch eingewanderte amerikanische – sowie ein Austernungetüm und die Wattwurmhäufchen auf Sandgrafiken zu sehen. Um das Kap herum erreichten wir den nördlichsten Punkt Deutschlands. Ein erneuter Schauer wuchs sich leider zum Dauerregen aus, und das schwere Gehen durch den Sand zog sich hin. Bei den letzten noch nicht weggeräumten, fast im Sand versunkenen Strandkörben führte eine Holztreppe über die Dünen zur Lister Strandhalle, wo aber keine Zeit mehr zur Einkehr war. An der Haltestelle mussten wir einen Bus wegen Überfüllung vorbeilassen, der aber gleich wiederkam, nachdem er seine Insassen am Lister Hafen abgesetzt hatte. Bei strömendem Regen kamen wir auch dort an und es gab für alle aus der Reisekasse ein „Gosch“-Fischbrötchen. Wer den Lister Hafen wie ich vor 35 Jahren erlebt hat, findet diesen Rummel eher nicht schön, aber der Rubel muss rollen, was er hier sogar bei dem „Schietwetter“ reichlich tat. Abschied von Müllers...Busfahrt nach Westerland...und vom Zug nur noch die Rücklichter. Pech gehabt. Somit kamen wir recht knapp zum Essen, für das der Koch etwas Besonderes geplant hatte. Er fuhr einen weißverdeckten Teewagen herein, erklärte das friesische „Bankett“ und lupfte unter aller Beifall das Tuch. Da lag ein duftendes krosses Spanferkel, das er gekonnt für uns tranchierte. Der typische Labskaus fand nicht jedermanns Zustimmung, aber das Ferkelchen fand regen Zuspruch. Man kann sich ja leider nur sattessen und mehr geht nicht, aber es war köstlich. Ein Korn, Köhm oder Aquavit war unbedingt fällig. Den letzten Abend verschönte uns der Niebüller Shantychor aus 30 gestandenen Männern und 1 Frau mit Schifferklavier. Die allseits bekannten Lieder wurden mitgesungen und geschunkelt. 3 Solisten hatten ihren Extraauftritt und der Dirigent machte seine Witzchen. Praktisch ist zum Schluss der singende Auszug unter „Anchors away away“, der dem Chor Zugaben erspart, unser Beifall war ihnen aber sicher. Klaus Ollig nahm das Zusammensein zum Anlass, den Wanderführern Werner Brekle und Peter Mugele mit warmen Worten und einem Couvert für die ausgezeichnete Organisation und den reibungslosen Ablauf all der tollen Unternehmungen zu danken.
Nachdem wir wieder eingeschlafen und aufgewacht waren, gab es das letzte gute Frühstück. Gepackt war schnell und nach einem kurzen Spaziergang in Hotelnähe mit Blick in die luth. Kirche bestiegen wir wieder die Nord-Ostseebahn bis Hamburg-Altona, und im ICE gab es dieselbe Sitzplatz- u. Gepäckdiskrepanz. Auch ging es recht unruhig zu, weil man selbst ein reserviertes Abteil nicht gut umgehen kann. Die herbstlichen Ausblicke waren wieder sehr schön und Käsedüfte blieben diesmal aus. In Stuttgart ging das Umsteigen flott und die Abschiede in Ludwigsburg waren kurz und herzlich, denn Abholer warteten schon und Busse mussten erwischt werden.
Diese Tage werden lange in uns nachklingen, die Fotos werden die schöne Erinnerung wachhalten und ein ganz herzlicher Dank geht nochmal an die Wanderführer, die uns diese herrliche Ausfahrt ermöglicht haben.
(Gisela Seltmann)
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